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Untermieter für nur wenige Wochen

Eine Oase der Ruhe ist mein kleines Arbeitszimmer im Obergeschoß unseres Hauses. Weitab von allen übrigen, häufig mit Unruhe durchzogenen Räumen und auch meine Familie scheut den etwas weiteren Weg hierhin. Ohnehin ist ihr Besuch meist mit überflüssigen Fragen oder Mitteilungen verbunden, aber derer gibt es gottlob nicht allzuviele. So ziehe ich mich für schöpferisches Denken gern in diese entlegene Stille zurück. Diese mag auch den kleinen Besucher angelockt haben, der jetzt in den letzten Apriltagen recht häufig in dem stets offenen Fenster auftaucht und gelegentlich, wenn ich wie erstarrt in meiner Tätigkeit innehalte, mehrere Stellen im Zimmer anfliegt, doch gleich danach wieder verschwindet. Ein Hausrotschwänzchen - sicher auf Suche nach irgendwelchen kleinen Beutetieren waren meine ersten Überlegungen, den nicht selten hatte ich bereits den einen oder anderen kleinen gefiederten Sänger für einen kurzen Rundumflug zu Gast. Doch hier schienen besondere Interessen vorzuliegen, den das Weibchen, als solches konnte der Haurotschwanz bei seinem zweiten Besuch bestimmt werden, zeigte sich in immer kürzeren Abständen und eines nachmittags saß es plötzlich auf dem Fensterbrett mit etwas Moos im Schnabel. Aha, es ging also um eine zukünftige Kinderstube. Gespannt wartete ich nun, wo es wohl das Nest anzulegen gedachte, den das Angebot dafür war doch recht spärlich. Es zeigte aber keine besonders große Eile. Ständig das Köpfchen mal da, mal dorthin drehend, schien es wohl noch unentschlossen wo das Nest am besten plaziert werden könnte. Fast zwei Minuten ließ es mich warten in denen jegliche Bewegungen meinerseits, auch das Schreiben, unterblieben, den nur wenig über einen Meter trennten uns beide. Dann hatte es sich wohl entschlossen, flog gezielt auf das Bücherregal und begann auf einigen Ordnern fast unter der Zimmerdecke mit ersten Baumaßnahmen.

Über mehrere Tage war es nun damit beschäftigt, mal mit längeren mal mit kürzeren Unterbrechungen, die für das leibliche Wohl vorbehalten waren. Doch dann blieb es ganz plötzlich aus, von einen Tag auf den anderen. Kein Nestbau mehr, mein kleiner, fleißiger Gast blieb verschwunden. Die auf den Ordnern auch recht liederlich abgelegten Mooshälmchen ließen, zumindest für mich den Schluß zu, dass wohl der Nestbauwille nicht sonderlich groß gewesen ist. Oder war ihm vielleicht etwas zugestoßen? Doch man soll ja die Hoffnung niemals so schnell aufgeben. Aber sie schwand, von Tag zu Tag mehr und als nach einer Woche sich noch immer nichts getan hatte, betrachtete ich die kleine Episode als beendet. Aber noch immer wanderte mein Blick, saß ich am Schreibtisch hinaus zum Gartenzaun, von dem aus das Hausrotschwänzchen häufig auf Suche nach Nahrung, die Wiese beobachtet hatte. Doch auch hier ließ es sich nicht mehr blicken. Nur Kater Krischa pirschte durch den recht großen Garten oder saß minutenlang wie leblos vor einen der heuer zahlreichen Mauselöcher. Ja richtig, Krischa, könnte er des Rätsels Lösung sein? Wenn auch die Mäusejagd zu seinem wohl liebsten Zeitvertreib gehörte, so war doch das gelegentliche Interesse am kleinen Federvolk nicht zu übersehen. Doch im Familienkreis darauf hingewiesen, winkte man sofort ab und brachte den sogenannten Burgfrieden ins Gespräch, den selbst Meister Reinecke respektiere wenn mal in enger Nachbarschaft zu ihm eine Wildente in einen leerstehenden Erdbau eingezogen war. Und auch Krischa würde sich wohl sicher an dieses ungeschriebene Gesetz des Burgfriedens halten. Zustimmendes nicken in der Runde. Nun, es wäre wohl nicht so positiv für den Kater ausgefallen wenn sie, wie ich vor wenigen Tagen, auch Zeuge gewesen wären, als er gerade einen unserer lautstarken frechen, aber doch liebenswerten kleinen Mitbewohnern, auf recht unschöne Art zum Schweigen gebracht hatte. Aber so ist das eben bei den Haussperlingen, wegen irgendwelcher Futtereste liegen sie, mit unüberhörbaren Gezeter, ständig im Streit untereinander ohne dabei die Umgebung im Auge zu behalten und dann passiert eben so etwas. Wie aufmerksam zeigte sich da doch mein Hausrotschwänzchen, den so ein Mißgeschick ganz sicher nicht passieren würde und in Gedanken sprach ich dann auch unseren sonst sehr lieben Schmusekater von jeglichen Verdacht frei.

Es mögen nur wenige Tage nach dieser hausinternen Diskussion über den Verbleib des Hausrotschwänzchens vergangenen sein. Mein leichter, noch frühmorgendlicher Schlaf, wurde schon längere Zeit durch das weit offene Fenster von allerlei Gesängen und Gezwitscher begleitet, dass aber gelegentlich durch ein kurzes, lautes rauschen überlagert wurde. Regelmäßig wiederholte sich dieses nach ganz kurzer Zeit, um dann wiederum, aber auch länger auf sich warten zu lassen. So weit es mein halbwacher Zustand erlaubte, hatte ich dabei auch das Gefühl von etwas bewegter Luft. Aber noch konnte mich nichts aus meiner so wohlverdienten Ruhe bringen. Doch steter Tropfen höhlt den Stein. Irgendwann waren meine Sinne hellwach, registrierten jetzt ein klares, lautes rauschen im Zimmer, verbunden mit einen recht kräftig, kurzen Luftzug im Gesicht. Ich schnellte hoch - nichts. Nun ganz munter, war Klärung dieser seltsamen Erscheinungen geboten und ich beschloß sitzend im Bett, auf ihre Wiederholung zu warten. Fast zehn Minuten, da schoß etwas Graues durchs Fenster, über das Bett und verschwand durch die offene Tür zum Flur, um dort in einer exakten 90°- Kurve ins Zimmer unserer Tochter abzubiegen. Ein Vogel, das war unschwer zu erkennen, aber was für einer und warum? Keine Minute ließ er mich warten, um im kühnen Schwung wieder den Flur zu passieren und im rasanten Flug übers Bett und aus dem Fenster zu verschwinden. Zu schnell um ihn genau einzuordnen, doch hatte ich bereits schon einen ganz kleinen Verdacht. Ich verlagerte meine Position nun so, daß ich direkt dem offenen Fenster gegenüber saß. Geduldiges aber gespanntes Warten, doch nicht allzu lang, denn schon wieder tauchte er am Fenster auf. Jetzt schien er aber, ob des fremden Gegenstandes keine drei Meter vom Fenster, irritiert und hielt auf dem Fensterrahmen inne. Überrascht registrierte ich ein Hausrotschwänzchen mit einen größeren Büschel Moos im Schnabel. Welch ein Zustrom von Untermietern heuer zum Forsthaus, war mein allererster Gedanke. Doch dann , das Weibchen, denn nur sie bauen das Nest, war unterdessen wieder im Garten verschwunden, kam ich nach einigen Überlegungen zu dem Schluß, daß es sich doch möglicherweise um meinen verlorengegangen Gast aus dem Arbeitszimmer handeln könne. Aber warum hatte es den Nestbau dort aufgegeben, um hier auf der gegenüberliegenden Gebäudeseite und noch mit Durchflug von einigen Räumen, den Nestbau neu zu beginnen? Nun, als ich das fast fertige Nest entdeckte, war mir klar warum der Wechsel. Mein Arbeitszimmer war kalt und nüchtern. Hier aber, auf den vergoldeten Zierblättern der Deckenbeleuchtung und einem echten, rustikalen Holzbalken, herrsche noch warme Romantik und dies schien dem kleinen Vogel, wie uns auch selbst, mehr zuzusagen. Doch wie er diesen Platz gefunden hat, bleibt allein sein Geheimnis.

Schon viele Jahre werden keine Aufnahmen mehr an besetzten Vogelnestern draußen in der Natur gemacht. Doch hier im Haus, freiwillig die ständige Unruhe durch Menschen, Hunde und Katzen in Kauf genommen, war ich als gelegentlicher Beobachter sicher kein zu großer Störenfried. So nahm ich mir vor, den Werdegang unserer kleinen Untermieter etwas genauer im Auge zu behalten. Ein Tagebuch wurde angelegt, in dem alle Beobachtungen in Wort und Bild ihren Eintrag fanden. Daraus habe ich nun einige Beispiele aus dem täglichen Leben dieser kleinen, vorbildlich reinlichen Familie entnommen, um sie im hier vorzustellen.

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