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Das Geheimnis der kleinen Erdpyramiden

Es ist schon Wochen her, daß ich den vom Hochwald bergab führenden Weg das letzte Mal gegangen bin, denn sein Umweg zum Forsthaus ist beträchtlich. Doch jetzt, in den heißen Sommertagen, nehme ich den längeren Weg gern in Kauf, denn bis in die Nachmittagsstunden liegt er im Schatten der hohen, alten Buchen. Selten zeigt sich auf ihm ein Forstauto, so daß sich, besonders in seiner Mitte, vielerlei niedrige Gräser und Kräuter entwickeln können. Dort entdecke ich jetzt auch kleine pyramidenähnliche Erdhügel, teils versteckt zwischen der Vegetation, teils offen auf den kahlen Stellen des Weges. Nun, das hier Grabwespenweibchen am Werk sind, die sich ohnehin auch in großer Zahl zeigen und später ihre Eier im Erdreich unterhalb dieser Hügel ablegen werden, kann ich mit meinen spärlichen Kenntnissen über dieses Insekt gerade noch bestimmen. Damit erschöpfte sich aber auch jegliches Wissen. Doch welche Art ? Ihre besondere Lebensweise ? Keine Ahnung. Schon öfters bin ich ihnen begegnet, aber noch nie in einer solch großen Zahl. Vierundachtzig dieser Erdpyramiden reihen sich in unregelmäßigen Abständen auf einer Länge von ca. 30 Metern. Einige davon stehen allein, andere wiederum hängen, wie eine Reihenhauskolonie, dicht aufeinander. Aber auch hier gehört jedes Hügelchen einer einzigen Grabwespe. Längere Zeit nehme ich Anteil an ihrem geschäftigen Treiben und bin davon so beeindruckt, daß ich noch an Ort und Stelle, in Gedanken für die nahe Zukunft, einen Grabwespen - Beobachtungsplan entwerfe. Am gleichen Abend wird alle verfügbare Literatur durchgearbeitet. Der erste wichtige Hinweis daraus: auffallende Gelbzeichnung im Gesicht, Brust und Hinterleib mit viel gelb, größere Kolonien, sehr häufig. Das Alles trifft auch auf meine Grabwespen zu. Damit ist erst mal ihre genaue Art bestimmt > Mellinus arvensis < und mit ihr lassen sich nun auch meine theoretischen Kenntnisse über ihre Lebensweise erweitern.
Untertagearbeit mit Abraumhalden
Schon am nächsten Morgen, noch zieht leichter Nebel durch die Wälder, mache ich mich, mit allen notwendigen Zubehör, auf die Socken. Doch der Tag verspricht wieder sonnig warm zu werden und das liebt besonders die Grabwespe bei ihrer Geschäftigkeit.
Wie schon erwähnt, liegt der Weg jetzt im Schatten ,so daß von der Baustelle vorerst wenig zu vermelden ist. Als solche kann man die Kolonie in diesen Tagen getrost bezeichnen, den zu gegebener Zeit ist man an allen Erdhügeln mit umfangreichen Erdarbeiten beschäftigt. Die Tätigkeiten nehmen aber langsam zu, und auch der Flugverkehr zwischen Wald und Baustelle wird häufiger. So bereite ich mich bedächtig auf meinen ersten „Ansitz" vor, der laut Plan das Thema „Bauarbeiten" beinhaltet. Bedächtig deshalb, weil jede hastige Bewegung, wie ich bald feststelle, einen möglichst nahen Kontakt zu ihnen unmöglich macht. Ein günstig gelegener Erdhügel samt Erbauerin ist bald gefunden. Sie sitzt bewegungslos, geduckt im Eingang zu ihrer Pyramide. Flüchtig gesehen sieht es so aus, als würde sie breit grinsend meine Vorbereitungen beobachten.
Behutsam bringe ich mich nun für solche am Boden aktiven Kleintiere, in eine lang ausgestreckte Bauchlage, ohne vorher jedoch nicht zu versäumen einen Blick in beide Richtungen des Weges zu schicken, um dabei nicht beobachtet zu werden. Zentimeter um Zentimeter arbeite ich mich robbend an die Wespe heran. Die angepeilte Stelle ist erreicht, ihr Kopf groß im Sucher, nur noch eine kleine Handbewegung um das Objektiv einzustellen und das Eingangsloch zeigt sich als gähnend, dunkle Leere - sie ist verschwunden. Vielleicht drückte ja das scheinbare Grinsen bei ihr, doch schon etwas von Schadenfreude über meinen bevorstehende mißlungenen Fotoversuch aus? Doch zurück zu ernsthaften Beobachtungen. Sie reagieren in dieser Phase besonders scheu und ziehen sich bei Störungen blitzschnell in die Tiefe zurück. Etwa fünf Minuten später steht sie wieder, sichtbar für mich, in der Röhre. Über die großen Facettenaugen kontrolliert sie erneut die Außenwelt, doch bin ich jetzt gewarnt. Wie erstarrt, verfolgt aber mein waches Auge jede ihrer Bewegungen. Minuten muß ich warten, doch plötzlich stemmt sie sich auf, bleibt jedoch für einen Augenblick noch in der Erdröhre. Jetzt ist deutlich die markante u-förmig, gelbe Kopfzeichnung mit den breit angelegten Mundwerkzeugen und den beiden, darunter angelegten Oberkiefern (Mandibeln) erkennbar. Und auch am Fußende eines Vorderbeines, die kräftigen Dornen, die in ihrer Anordnung fast die Gestalt einer kleinen Grabschaufel besitzen und natürlich an allen sechs Beinen vorhanden sind. Unersetzlich für ein solch intensiv grabendes Insekt. Sie verläßt die Röhre, dreht sich um und verschwindet wieder in ihr, diesmal mit dem Kopf zuerst. Ich bleibe weiter gespannt, bewegungslos. Fünfzehn Sekunden später, im Eingang erscheint ihr Hinterteil und rückwärtsgehend zieht sie, zwischen den Kiefern eingeklemmt, eine große Erdkrume hinter sich her. Einige Zentimeter weiter läßt sie diese liegen und verschwindet erneut, um bald darauf eine Weitere ans Tageslicht zu befördern. Durch das nahe Ablegen dieser Erde, kommen im Laufe der Zeit, auch diese pyramidenförmigen Erdhügel eine Art Abraumhalde zustande.
Etwa einen halben Meter führt die Röhre senkrecht nach unten. Daran schließen seitlich mehrere kurze Abgänge an, die an ihren Enden zu kleinen Hohlräumen, den eigentlichen Brutkammern erweitert sind. Es gibt also Untertage viel zu tun. Nachdem das Grabwespenweibchen das elfte Erdstückchen ins Freie gebracht hat, verläßt es fliegend seinen Bauplatz, um sich, wie auch andere Insekten, am Nektar irgendwelcher Waldblumen zu stärken. Auch mir tut die Unterbrechung gut, doch im Gegensatz zur ihr, brauche ich jetzt einiges an Bewegung.
Peinliche Überraschungen
Viele Stunden, über mehrere Tage widme ich mich nun als stiller Beobachter diesen Arbeiten, um Ablauf und Handhabung möglichst genau kennenzulernen. Nur zweimal muß ich meine Studien wegen unvorhergesehener Ereignisse unterbrechen. Sie sollen hier nicht unerwähnt bleiben, um andere Grabwespenfreunde auf solche möglichen Überraschungen hinzuweisen. Gefesselt von der arbeitenden Wespe, dazu noch vergrößert durch die Makroeinstellung des Objektives, hat man nur Auge und Ohr für das so nahe Ereignis. Alles Andere ist in dieser Phase belanglos, die weitere Umgebung versinkt fast in Nichts. Und doch, so flüstert mein siebter Sinn, hat sich in meiner Nähe etwas verändert. Vorsichtig schaue ich zur Seite. Richtig, da stehen jetzt, dicht neben mir zwei Wanderschuhe und beim Blick nach oben, auch der dazugehörende Rest. Irgendwie schon eine komische Situation in meiner Lage. Doch als ich mich aufrichte, bittet mich der freundliche Wandersmann doch unten zu bleiben, da er ja nun, nach Minuten des stillstehens festgestellt hat, warum meine ungewöhnliche Lage. Aus der Ferne gesehen, sei ihm dies aber doch schon recht merkwürdig vorgekommen. Auf die Fragen zu Insekt und Erdhaufen, gebe ich mein angelesenes Wissen und die brandneuen Beobachtungen gern und auch nicht ganz ohne Stolz weiter. Er scheint beeindruckt, bedankt sich, wünscht als Auchfotograf weiterhin gutes Licht und setzt schnellen Schrittes seinen Weg fort. Fort ist allerdings, für längere Zeit, auch meine recht mühsam angepeilte Wespe. Auch der zweiten Unterbrechung, wenige Tage später, liegt, wie der aufmerksame Leser wohl richtig vermuten wird, mein hochkonzentrierter bodennaher Kontakt zu Grunde. Diesmal gilt dem Beute eintragen meine ganze Aufmerksamkeit. Dabei sind wie immer, meine ganzen Sinne nur auf den, wenige Zentimeter vor mir ablaufenden Transport einer gelähmten Fliege gerichtet. Plötzlich unterbricht der ferne Ruf einer Frau: "dort liegt jemand", meine erwartungsvollen Betrachtungen. So manches habe ich ja in dieser Hinsicht schon erlebt, aber noch immer versetzt mich so was in Verlegenheit, von der Störung einmal ganz abgesehen. Schnell bringe ich mich in eine sitzende Position, um bei den etwa hundert Meter entfernt anhaltenden Reitern, nicht irgendwelche zweideutigen Gedanken aufkommen zu lassen. Daraufhin setzen sie sich wieder in Bewegung und ziehen, fast zwei Dutzend sind es, langsam, die meisten freundlich, aber scheinbar doch recht belustigend herunter grüßend, an mir vorbei. Ein Sonderling mögen viele von ihnen gedacht haben. Was soll´s dann bin ich eben einer, aber ein recht glücklicher. Weniger glücklich allerdings über zwei der Erdhügel, die günstig zum beobachten vorgemerkt, nun aber unter dem sogenannten "Gold der Straße" begraben liegen.
Vorsorge für den Nachwuchs
Trotz der massiven Störung kehrt in der Kolonie aber bald wieder die gewohnte Betriebsamkeit ein. Nur die einzelnen Erdhügel, die genau auf dem schmalen Pfad der dahin ziehenden Reitergruppe lagen, sind jetzt völlig platt und ihre genaue Lage durch die vielen Pferdehufe auch nicht mehr erkennbar. Darüber hinaus hat sich auch die nähere Umgebung wesentlich verändert, so daß, die zuvor den Wespen vertrauten Gräser, Blätter u.dgl., als Orientierungshilfen beim Aufsuchen ihrer Nester, nicht mehr zur Verfügung stehen. Ich bin gespannt, wie sie auf die neue Situation reagieren und werde ihre Ankunft prüfend im Auge behalten. Zwischenzeitlich aber wende ich mich wieder den Beutetransporten zu. Es sind jetzt ohnehin weit über die Hälfte der hier ansässigen Wespen damit beschäftigt, in ihren unterirdischen Nestern Nahrungsdepots für die zukünftigen Larven anzulegen. Es hat also keine Mühe einen solchen Erdhügel zu finden, an dem ich mich auch günstig, in allernächster Nähe postieren kann. Die von erfolgreicher Jagd zurückkehrenden Wespen, lassen sich, durch einen, etwas schwerfälliger wirkenden Flug, schon auf einige Meter, von den Übrigen gut unterscheiden. Dabei werden meistens alle drei Beinpaare, wie eine haltende Kralle, fest um die Beute gelegt. Doch ist dies nur eine zusätzliche Sicherung, den gepackt und gehalten wird sie ausschl. mit dem kräftigen Oberkiefer. Einzelne fliegen direkt ihren Erdhügel an. Andere landen dagegen weit weg von ihren Nestern, manchmal bis zu zwei Meter. Könnte dies möglicherweise ein Hinweis auf unterschiedliche Begabung in ihrem Orientierungsvermögen sein? Vielleicht gibt es ja darauf, aus berufenen Munde, mal eine überzeugende Erklärung. Laufend, nach vielen Kehrtwendungen und Umwegen, erreichen sie dann, trotz unveränderter Nestumgebung, oft erst nach vielen Minuten ihr Ziel. Das allerdings scheint nachvollziehbar, da der am Boden laufenden Grabwespe jetzt natürlich auch die Übersicht fehlt. Es werden nur Fliegen eingetragen, die zuvor durch den Stich des Wespenstachels aber nur gelähmt sind. Die menschliche Haut aber, vermag er nicht zu durchdringen. Mit kleineren Fliegen verschwindet die Wespe in Laufrichtung sofort in ihrer Erdröhre. Größere werden oft vor dem Eingang erst abgelegt und dann rückwärts kriechend von ihr hinein gezogen. Wieviel Fliegen, das richtet sich nach der Brutkammerzahl, aber einige Dutzend werden es meistens sein. Komme ich einer laufenden Wespe aber zu nahe, läßt sie die Beute immer sofort fallen und fliegt davon. Sie wird auch später nicht mehr angenommen.
Verschüttete Nester, gesicherte Kinderstuben
Mittlerweile sind auch die erwarteten Wespen an ihren eingeebneten Nestern eingetroffen und suchen, im Umkreis von etwa 1,5 m, schon längere Zeit danach. Nach einer weiteren halben Stunde kreist die Erste von ihnen, eine bestimmte Stelle immer weiter ein, bis sie plötzlich dort intensiv mit den Beinen zu scharren anfängt. Zwischendurch werden kleine Steinchen und Erdbrocken mit den Kiefern gepackt und rückwärts etwas weggezogen. Von einem Loch ist überhaupt nichts zu sehen. Es hat aber den Eindruck, daß ihr ganzes Gespür jetzt nur auf diesen, für mich noch immer völlig belanglosen Ort gerichtet ist. Und da liegt sie auf einmal frei, die Öffnung der Erdröhre, nur ein kleiner Erdrest noch, der aber hinein rutscht, gefolgt nun auch von der schnell einschlüpfenden Wespe. Das Auffinden des Nestes über die Orientierung am Erdreich und der Umgebung, wie sonst üblich, ist hier unmöglich, da sich beides ja völlig verändert hatte. Damit kann für den Erfolg doch nur noch ihr bereits vorhandener Eigenduft sprechen, der über die auf den Fühlern sitzenden Geruchsorganen aufgenommen wird. Auch darüber finde ich aber in meiner Literatur leider keine befriedigende Bestätigung.
Die nachfolgenden Wochen sind ausgefüllt mit Verhaltensstudien anderer Kleintiere, so daß meine Grabwespen etwas vernachlässigt werden. Da der Sommer nun auch seinen Höhepunkt weit überschritten, ist es an der Zeit, sich dort wieder mal sehen zulassen. Die Bauarbeiten scheinen, soweit sich das kontrollieren läßt, wohl abgeschlossen. Nur der Nahrungsverkehr ist noch im vollen Gange. Behutsam, Schritt für Schritt die einzelnen Hügelchen überprüfend, ob nicht doch schon irgendwo mit verschließen des unteren Nestbereiches begonnen wurde. Wie bekannt, werden die von der senkrechten Röhre, seitlich abgehenden Gänge, zu den einzelnen Brutkammern mit Erde wieder geschlossen. Dadurch sind ihre späteren Larven vor kleinen Freßfeinden gut geschützt und das Klima darin weitgehend konstant. Mehrere Fliegen aber jeweils nur ein Ei sind in diesen Kammern nun deponiert. Und dann entdecke ich einzelne Hügel, an denen mit gleicher Intensität wie beim Erdaushub, auch beim Einbringen gearbeitet wird. Denn zum Verschließen holen sie ausnahmslos, die lockere im Eingangsbereich liegende Erde. Sie wird mit den Vorderbeinen zusammengeschoben, von den Kiefern gepackt und rückwärtsgehend nach unten transportiert. Etwa zwanzig Sekunden später taucht sie, der Kopf voran wieder auf um neu einzusammeln. Zwölfmal wiederholt sich dieser Vorgang, ohne jegliche Pause, eine beachtliche Ausdauer. Erst wenn alle Brutkammern auf diese Art gesichert, verläßt die Grabwespe endgültig die Kolonie und wird sich in Zukunft auch nicht mehr um ihr Nest kümmern.
Sacht legt sich bereits die Abenddämmerung auf den Weg, als ich meinen letzten, längeren Aufenthalt an der Kolonie beende. Und doch, sind noch immer einige dieser fleißigen Insekten unterwegs, an deren Erdpyramiden ich in den vergangenen Wochen, so manche reizvolle Beobachtung machen konnte. Auf dem Heimweg noch eine kleine Unterbrechung. Denn dort, wo der Wald den Blick in die Ferne wieder freigibt, zeigt sich mir noch einmal das bezaubernde Abendrot, umgeben von friedlicher Stille, die jetzt über dem weiten Land liegt. Ein besinnlicher Ausklang, für einen vergangenen, wunderschönen Tag.
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